Mrs. Rose

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7:30Uhr am Morgen. Inteviewtermin mit dem USCIS. Die letzte Hürde zur grünen Karte. Die Geschichten anderer Paare, die dieses Interview hinter sich gebracht haben sind so unterschiedlich wie Marmelade und Salami, deswegen sollte am Besten jeder auf alles gefaßt sein. Wir passierten die Eingangstür des riesen großen Gebäudes ohne Probleme. Na ja, fast ohne Probleme. Das Röntgenbild meines Rucksacks leuchtete verdächtig auf und ich mußte meine Zahnpasta auspacken und vorzeigen.

Wir fuhren mit dem Aufzug in den 5. Stock, nahmen Platz und warteten auf unseren Auftritt. Wir warteten lange. Endlich rief jemand meinen Namen und wir trafen Mrs. Rose, unsere Interviewerin. Sie war alt, dunkelhäutig und bestimmt selber vor 40 Jahren eine “alien-bride”. Sie machte einen sympathisch-altmodischen Eindruck als wir ihr langsam und zielstrebig ins Büro folgten. Die Stimmung schlug schlagartig um als die Tür hinter uns ins Schloss fiel. Ich durfte nicht auf dem rechten Stuhl Platz nehmen, da der linke für die “wichtigere” Person (so Rosie) vorgesehen sei. Als wir uns nach dieser Zurechtweisung setzen wollten, schritt sie erneut ein und ließ uns erst einmal schwören die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit. Ich kann Euch sagen, es gibt nichts, was die Atmosphäre schneller unter Hochpannung bringt als das Schwören auf die Wahrheit!

In mir fings an zu brodeln, der Rebell meldete sich lautstark und ich mußte mich beherrschen Mrs. Rose nicht klipp und klar zu sagen, dass diese Schwörerei nur Schikane ist und absolut keinen Wert hat. Abgebrühte Immigrationsverbrecher schwören ohne mit der Wimper zu zucken auf alles und für die Normalos ist es nur nervenaufreibend! Aber ich hielt meine Klappe und wartete aufs nächste Ereignis. Dies ließ auch nicht lange auf sich warten. Nachdem sie mich Formalitäten abgefragt hat, stellte sie mir die Frage:,, Mit wem leben Sie zusammen in ihrer Wohnung?” Da konnte ich nicht mehr an mich halten und sagte:,,Mit Rajendra und einem Baum.” Sie schaute mich an, als ob ich nicht mehr ganz bei Trost wäre und meinte:,,wir beschränken uns hier nur auf menschliche Wesen, bitteschön.” Die Fragerei ging weiter und wenn Rajendra auch nur den Anschein erweckte seinen Mund aufzumachen, hielt sie ihre Hand hoch, in der zwischen Zeigefinger und Daumen drohend der Radiergummi hervorlugte.  Als sie mir die Frage stellte, wo ich mich und meine Partnerschaft in 2 Jahren sehe, antwortete ich ihr ehrlich und ihr direkt in die Augen schauend, dass ich das heute nicht wissen kann, wir aber vielleicht das typische Familie mit Kind Ding durchziehen. Diese Frage durfte Rajendra auch beantworten. Er, etwas diplomatischer forcierte natürlich Familie mit Kind. Da hielt mein Rebel sich nicht mehr zurück und sagte:,,Mrs. Rose, Rajendra ist jetzt schon schwangerer als ich!” Da fing die etwas schwerhörige alte Dame doch tatsächlich an zu lachen und meinte, dass ich ja ganz schön lustig sei. Das Eis fing an zu bröckeln und die letzte Frage, wer denn um die Hand des anderen angehalten hat, beantwortet ich wiederum klipp und klar mit:,,keiner von beiden.” Sie schaute mich an und sagte fast vorwurfsvoll, ob sie diese Antwort ihren Supervisoren mitteilen sollte. ,,Natürlich”, antwortete ich ihr, ,,das ist die Wahrheit.” Ich konnte spüren, wie Rajendra neben mir innerlich lächelte und ihn gleichzeitig meine Art des Antwortens nervös machte. Seine Antwort zauberte glaube ich wieder ein mini Grinsen auf Rosies Gesicht.

Das war das Ende des Interviews und sie schickte uns los um noch einmal Passbilder von mir machen zu lassen, da sie nicht mehr in meiner Akte waren. Sie sind doch tatsächlich verloren gegangen… Mit dem speziell authorisierten Pass von Mrs. Rose kamen wir auch schneller wieder ins Gebäude rein. Dann hockten wir wieder auf den gleichen Stühlen und warteten.

Schließlich kam Mrs. Rose uns lächelnd entgegen. Da Lächeln im Allgemeinen ein positives Zeichen ist, atmeten Rajendra und ich erleichtert auf. Um so schockierender war dann ihre Nachricht. Sie überreichte uns ein weißes Stück Papier mit der Notiz, dass weitere Nachprüfungen unternommen werden müssen. Das konnte im Grunde alles bedeuten. Zwei Möglichkeiten waren, dass entweder meine permanent residence card in absehbarer Zeit im Briefkasten liegen wird oder wir weitere Anweisungen bekommen werden, was sie noch von uns brauchen. Eine Wutwelle, die jedem Surfer das Genick brechen würde, rollte über mich. Ich fluchte und beschimpte alles und jeden. Ich war drauf und dran mich in den nächsten Fllieger nach Deutschland zu setzen. Meine Güte, was für eine Schikaniererei!

Dass ich meine Green card bekommen habe, habt ihr ja inzwischen mitbekommen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass mich dieser 12 monatige Prozess vieles gelehrt hat. Menschen aus Lateinamerika, Asien oder Afrika werden zu einem hohen Prozentsatz beim ersten Versuch immer abgelehnt. IMMER! Für diese Menschen ist das “Abgelehnt-werden” normal! Dass mir das passiert war ein Schock und gleichzeitig Augen öffnend. Wie kann man mich, als weiße deutsche Frau ablehnen, nicht haben wollen oder sogar deportieren?! Diese Begriffe gelten doch nur für andere! Der Unterschied zu anderen ist folgender: Ich kann zurück nach Deutschland. Dort erwartet mich ein anderes, aber in vielen Bereichen sogar angenehmeres Leben als in den USA. Immigranten aus nicht europäischen Ländern haben diese Alternative meistens nicht. Für sie ist die (alte) Heimat mit Gefahr oder mit Armut verbunden.

P.S.: Auf dem Bild seht ihr “den Baum” mit dem ich lebe.

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